Die EU-Pauschalreiserichtlinie ein Monster, die langwierigen kartellrechtlichen Untersuchungen gegen Google angesichts der touristischen Innovationskraft der Suche schon heute kaum mehr brauchbar: Auch auf europäischer Ebene hagelt es Kritik gegen die aktuelle Arbeit der EU-Kommission. Was Europas Internet-Touristik der Politik auf der Konferenz Phocuswright Europe zu sagen hat.

Komprimiert

Preistransparenz, Verbraucherschutz, Pauschalreise-Richtlinie, Datenschutz, Kartelluntersuchungen gegen Google und andere, ein neuer Code of Conduct für die GDS und nun auch Homesharing: mit ihren Untersuchungen und Richtlinien  prägt die Europäische Union das touristische Geschäft in ganz Europa. Deshalb muss auch auf europäischer Ebene darüber geredet werden.

 

Erinnern Sie sich noch? Vor exakt einem trumpfte EU-Wettbewerbskommissarin Margrete Vestager letztmalig zum Thema Google auf. Die kartellrechtlichen Untersuchungen der EU-Kommission gegen den Internet-Riesen seien weit fortgeschritten. In den „nächsten Monaten“ würden Brüssels Wettbewerbshüter darüber entscheiden, ob Google seine Marktmacht mißbraucht hat.

Seitdem herrscht eine bemerkenswerte Ruhe in Brüssel. Die Prüfungen dauern an. „Wir haben der EU-Kommission pragmatische Vorschläge gemacht, wie sich Google weiter als Innovationstreiber präsentieren kann, aber wir brauchen einheitliche Spielregeln“, sagte Christoph Klenner, Generalsekretär des Europäischen Traveltechnologie Verbandes Ettsa vergangene Woche auf der Konferenz Phocuswright Europe in Amsterdam.

Nach einem Jahr öffentlicher Sendepause hatte sich Phocuswright erlaubt, das Thema wieder auf die Tagesordnung zu setzen, leider ohne Vertreter der EU-Kommission aber mit viel Zuspruch aus der europäischen Online-Touristik. „Google ist ein gutes Beispiel, dass die Gesetzgebung in unserer Branche nicht funktioniert“, sagte Andrea Bertoli, Deputy CEO der Lastminute.com Group. Und VIR-Vorstand Michael Buller ergänzte: „Ich habe in Brüssel schon im Vorjahr gesagt, dass die Ergebnisse dieser Untersuchung nicht mehr interessieren, wenn sie noch fünf Jahre dauern.“

Die Innovationskraft Googles zollt allen Respekt. Während Europas Wettbewerbshüter nun nach wie vor die Dominanz Google in den Bereichen Internet-Suche, Android-Betriebssystem und Adsense-Marketing untersuchen, drängt Google mit immer neuen Travel-Innovationen wie Google Packages, Google Trips und Google Destination tiefer in die touristische Wertschöfpungskette.  Im Fokus der EU-Kommission sind diese Entwicklungen jedoch noch nicht.

Die Google-Untersuchungen sind nur ein Beispiel, an dem sich Europas Reiseindustrie reibt. Die Pauschalreiserichtlinie steht nun vor der Umsetzung in nationales Recht. Sie ist „getrieben worden vom Lobbyismus der Reiseveranstalter, um Urlaubsbuchungen bei einem Online-Reisebüro so kompliziert wie möglich zu machen“, kritisiert Ettsa-Chef Klenner. Es sei derzeit unmöglich, diese Richtlinie europaweit zu erfüllen, sagt Lastminute.com-Manager Bertoli.

Die komplette Diskussionsrunde mit Christoph Klenner, Michael Buller, Andrea Bertoli sowie Tobias Wann, CEO der @Leisure-Group und Michael Simon, General Manager Distribution EMEA & APAC der Hotelkette hat Phocuswright inzwischen auf Youtube veröffentlicht. In der Session geht es auch um jüngst begonnene Untersuchungen der EU-Kommission über den von Airbnb dominierten Homesharing-Markt. Der Schreiber dieses Blogs war der Moderator dieser Session. Zur Ansicht empfohlen:

Was die EU-Legislative sonst noch an Themen für die Touristik vorbereitet, hier im kompakten Überblick

  • Preistansparenz: Die EU-Wettbewerbskommission (DG Comp) hat ausführlich den Hotelmarkt auf Preistransparenz und verschiedene rten von Ratenparität untersucht. In ihrem jetzt veröffentlichten Bericht behält sie sich weitere Schritte vor. Auch Reiseveranstalter werden überprüft.
    Zudem steht die EU-Kommission eine Revision des so genannten Code of Conduct für Buchungssysteme (CRS) bevor. Eine spannende Frage wird sein, welche Art von CRS in Zukunft mit welcher Form von Restriktionen zu versehen sind. Auch gegen die Hotelpreisdarstellung von Reiseveranstaltern wird seit diesem Frühjahr ermittelt.
  • Datenschutz: Die von 2018 an gültige EU-Datenschutzverordnung stellt nicht nur die deutschen Gesetzgeber vor Herausforderungen. Während sie um die Umsetzung in nationales Recht ringen, dürfen sich Unternehmen schon einmal auf deutlich komplexere Regeln im Datenschutz einstellen, was die Innovationskraft für künstliche Intelligenz mindern kann. Details werden zurzeit erarbeitet. Zumindest über die potenziellen Vorteile informiert die EU-Kommission seit heute transparent.
  • Verbraucherschutz: Die EU-Kommission bereitet zurzeit eine Neufassung der Verbraucherschutzverordnung vor, die mehr pan-europäische Standards und klare und mutmaßlich erweiterte Kompetenzen für nationale Verbraucherschutzorganisationen vorsieht. Zudem setzt sich Brüssel für einen stärkeren Einfluss nationaler Wettbewerbsbehörden in diesem Segment ein.

Fazit: Brüssel braucht zumeist viele Jahre, um ansatzweise einen Konsens in relevanten Punkten zu erzielen. Wenn diese Arbeit jedoch finalisiert und als Richtlinie vom Europäischen Element verabschiedet ist, muss sie auch in nationales Gesetz umgesetzt werden. Das harte Ringen zwischen Politik und Praxis, das wir zuletzt um die neue Pauschalreise-Richtlinie und ihre Ausgestaltung erlebt haben, dürfte sich in anderen  Themen wiederholen.

Disclaimer: Der Autor dieses Posts ist zugleich auch Research Analyst bei Phocuswright und beleuchtet für den global führenden Marktanalysten für Touristik und Hotellerie schwerpunktmäßig den europäischen Markt. 

Mehr Informationen

Mitschnitte aller Vorträge und Podiumsdiskussionen von Phocuswright Europe hat Phocuswright nunmehr auf Youtube veröffentlicht. Die nächste Phocuswright Europe findet vom 14. bis 16. Mai 2018 in Amsterdam statt.