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Die logischen Grenzen von Open Data erweitern

Die logischen Grenzen von Open Data erweitern

ein gemeinsamer Post von Dirk Rogl und Michael Schmidt, Partner von Travel.Commerce.

Der Countdown läuft: Das Open-Data-Projekt der DZT wird bald erlebbar. Noch in diesem Jahr kann der Knowledge Graph der Deutschen Zentrale für Tourismus Destinationsdaten bündeln und offen verfügbar machen. Die Mehrheit der Bundesländer ist bereit, Daten über Sehenswürdigkeiten, Termine und Tourenbeschreibungen zu liefern. Einige denken darüber hinaus: Wer über seine Region informieren wollte, benötigt auch die buchbaren Angebote vor Ort.

Komprimiert

Wie kann man etwas open data verfügbar machen, was häufig noch gar nicht digital ist? Zum Beispiel die Vor-Ort-Erlebnisse der Tourist-Informationen (TI). In dem man 1. die digitale Infrastruktur der TI stärkt, 2. die Angebotsdaten aus einer Vielzahl von Reservierungssystemen bündelt und 3. diese bestmöglich ausspielt und weiterleitet, auch in den Knowledge Graphen. Dass Schema.org für eine klopffeste Angebotsbeschreibung nicht ausreicht, darf keine Entschuldigung bleiben.

Michael Schmidt ist neuer Partner von Travel.Commerce. Gemeinsam mit Dirk Rogl schreibt der Mit-Gründer der Peakwork AG und Mit-Initiator des DRV-Datenstandards über neue Chancen für Open Data und die Notwendigkeit, die Regelwerke für buchbare und nicht-buchbare Reisedaten zu harmonisieren.

Ein gelungenes Urlaubserlebnis setzt voraus, dass der Gast über das Angebot vor Ort bestmöglich vor Ort informiert ist. Das Open-Data-Projekt der DZT wird just diesen Anspruch beflügeln. Noch nicht überall, aber an immer mehr Orten liegen Daten über Sehenswürdigkeiten (POI) und Touren strukturiert und offen verfügbar vor. Unter dem Kürzel POI versteckt sich all das, was einen Urlaub erlebnisreich macht: Sehenswürdigkeiten, Restaurants, Hotels, Museen, Wellness- und Sportangebote zum Beispiel und vieles mehr.

Ein guter Urlaub setzt auch voraus, dass der Gast zumindest einen Teil dieser Leistungen in Anspruch nimmt. In der Gastronomie funktioniert das meist spontan. Aber was ist mit dem Besuch im Freizeitpark, im Museum oder beim Kanu-Verleih? Häufig werden sie vorab gebucht. Informationen zu POI und Touren sind deutlich mehr als klassisches Destinations-Marketing. Ganz häufig sind sie buchbare Leistungen. Und die sind manchmal ausgebucht oder zu Sonderpreisen verfügbar.

Der Reisevertrieb unterscheidet deshalb seit jeder zwischen „bookable content“ und „non-bookable content“ und legt diese fein säuberlich in ganz unterschiedlichen IT-Systemen ab. Denn für die buchbaren Inhalte gelten strenge Regeln:

  • Die Produkthaftung des Anbieters verbietet eine allzu blumige Darstellung der angeboten Leistungen. Das schließt aus, dass Inhalte nach Belieben verändert werden. Nur der Anbieter kann für diese Daten verantwortlich sein.
  • Die Komplexitäten des Preis- und Erlösmanagements führen zu einer Vielzahl von Preiskategorien und teilweise hoch dynamischen Preisänderungen. „Dynamic Pricing„, also stetig an die Nachfrage anpassbare Preise, sind häufig der Schlüssel zum Erfolg. Ein Hotelzimmer kostet eben eher selten die standardmäßige Rackrate. Der tatsächliche Preis variiert je nach Saison, Vertriebskanal und Quellmarkt.
  • Neben dem Preis spielt für den Gast eine weitere Information aus den Reservierungssystemen eine zentrale Rolle: die Vakanzen. Ist das Angebot zum gewünschten Termin überhaupt noch verfügbar? Wie lange ist die Wartezeit? Wann die nächstbeste Verfügbarkeit? Und das sowohl generell als auch in der von mir bevorzugten Produktkategorie.

Wie der Knowledge Graph buchbar werden kann

Open Data ist ein System für non-bookable content, mit einem Fokus auf SEO und Gäste-Information. Das ist gut so, denn es spart die hier angerissenen Komplexitäten des Reisevertriebs. Aber ist das gut genug für den Gast? Nur bedingt.

Der Gast unterscheidet kaum nach Systemwelten und Datenquellen, er will bestmöglich und ganzheitlich über das Angebot vor Ort informiert sein. Und er zieht seine Daten bevorzugt aus Plattformen, die gleichermaßen informieren und auch gute buchbare Angebote liefern. Die Palette reicht vom klassischen Reisebüro, über Online-Portale wie Booking.com oder Tripadvisor oder eben Google.

Diese Verkaufskanäle sind die potentielle Zielgruppe für die offenen Datenschätze aus Knowledge-Graphen. Voraussetzung dafür ist, die Daten sind akkurat gepflegt und strukturiert und möglichst flächendeckend vorhanden. Tatsächlich setzen Online-Portal ja selbst auf großen Datenschätzen zu Destinationen weltweit. Sie haben auch kein Interesse, ihre gesammelten Daten offen zu teilen. Denn Uniqueness bringt Reichweite.

Globale Vertriebs-Giganten wie Tripadvisor, ihre Schwestermarke Viator oder dessen deutscher Mitbewerber Getyourguide sind in der Theorie typische Abnehmer für den Knowledge Graphen der DZT. Aber Vorsicht: Der Hunger der Vertriebsriesen auf zusätzlichen Content ist zwar groß aber sehr selektiv. Tripadvisor sieht sich längst nicht mehr als „Reise-Community“ sondern vielmehr als ein weltweit führendes Online-Reisebüro. Mit einem starken Fokus auf just den Markt, der für Destinationen so wichtig ist: Touren und Erlebnisse. Entsprechend sind Reisebewertungen und Destinations-Infos längst auf Unterseiten gewandert. Im Mittelpunkt stehen buchbare Vor-Ort-Leistungen: Übernachtungen, Restaurants, insbesondere aber Aktivitäten.

Viele buchbare Angebote (im Reiter oben und bei den Highlights unten) und Bilder, wenig nicht-buchbare Informationen, Reviews auf den Unterseiten. Die Destinations-Seiten von Tripadvisor (hier Frankfurt) haben sich längt von der Reise-Community zu einem Online-Reisebüro gewandelt.

Buchbare und nicht-buchbare Leistungen folgen nicht nur einer anderen kaufmännischen Logik und anderen Datenquellen, auch ihre Ordnung ist eine andere. Schema.org, die Basis von Open Data, ist allein genommen nicht ausreichend, um die Vielfalt des touristischen Angebots hinreichend zu beschreiben.

Traveltech-Standards müssen miteinander harmonisieren

Eben weil Schema.org den Anspruch hat, ein übergeordneter Ordnungsraum für alle Objekte im World Wide Web zu sein, drängt dieses Schema (völlig zu Recht) auf Vereinfachung. Einfache Preise pro Produkt sind über Schema.org gut abrufbar. Wenn Preise variieren, etwa nach Datum und Zeit, nach Nutzungsdauer, Alter der Teilnehmenden, nach Wochentag oder nach Saison, dann kommt Schema.org nicht weiter. Noch komplexer wird es, wenn die Preise leistungsabhängig variieren, etwas nach Zimmerkategorie oder Buchungsklasse oder darin, ob ein Ticket umbuchbar oder erstattbar ist.

Der Reisevertrieb setzt deshalb auf komplexe Regelwerke wie die Kategorienbäume der Open Travel Alliance oder des DRV-Datenstandards und vielem mehr. Und weil sich für die Kategorisierung in allen Jahrzenten kein dominierender globaler Standard im Tourismus gebildet hat, bedarf es weiterhin strenger Regeln für Datenformate, Schnittstellen und Abfragelogiken. Nur sie sorgen für Harmonie in der Travel Technology.

Nur wer alle Kategorien dieser IT-Standards versteht und beachtet, hat eine faire Chance, buchbare und nicht-buchbare Leistungen bestmöglich zu integrieren. Einige Destinationen haben diesen Mehrwert erkannt. Sachsen etwa integriert in seinem Satourn-Projekt Erlebnisse direkt in seinen auf Open-Data ausgelegten Datenpool.

Der Erlebnis-Hub als Brücke zwischen Vertrieb und Open Data

Für die Hessen Agentur durften wir von Travel.Commerce. einen anderen Lösungsansatz mitentwickeln. Zusätzlich zur offenen Datenbank, dem Content-Hub, kann es im Tourismus-Hub Hessen eine parallele Datenbank geben, die streng nach den Regeln des Reisevertriebs arbeitet. Über Übersetzungsebenen und Mappings soll es möglich sein, die (buchbaren) Angebote aus dem Erlebnis-Hub mit den (nicht-buchbaren) Datensätzen aus dem Content-Hub zu kombinieren. Eine Meta-Ebene soll dafür sorgen, dass die Daten sowohl im Knowledge Graphen (Open Data) als auch als klassische XML-Schnittstelle (dem nach wie vor bevorzugten Austauschformat sowohl für Reise-Portale und Veranstalter aber auch für Google Travel) ausgespielt werden können.

Der neue Tourismus-Hub Hessen als Skizze: Der Content-Hub strukturiert (nicht-buchbare) Daten nach den Regeln von Open Data. Im Erlebnis-Hub laufen (buchbare) Vor-Ort-Erlebnisse nach den Regeln des Reisevertriebs zusammen. Eine Meta-Ebene synchronisiert beide Datentöpfe und sorgt für die Ausspielung in beide Systemwelten: per Knowledge Graph (JSON-LD) oder als branchenweit akzeptierte XML-Schnittstelle.

Bislang ist der hessische Erlebnis-Hub nur eine zukunftsweise Blaupause. Und mehr: eine Pilotanwendung, die wir mit unserem Partner CFM_Media entwickelt haben, vereint bereits erste Angebote aus den hessichen Regionen. Die Machbarkeit ist definiert und bereit für die nächste Stufe der Umsetzung, die ganz im Sinne der hessischen Destinationen sein soll. Da ist einerseits der Anschluss der in diesem Bereich führenden Reservierungssysteme und ihre Harmonisierung. Vor allem aber brauchen wir eine Meta-Ebene zwischen Open Data und dem Reisevertrieb, die nur so gut sein kann, wie das jeweils verwendete Vokabular. Sie sorgt dafür, dass Open Data und buchbare Angebote zusammen wachsen.

h ist der hessische Erlebnis-Hub nicht mehr als eine Blaupause. Immerhin: eine Pilotanwendung vereint bereits erste Pilotangebote aus der Region. Doch der größte Teil der Arbeit steht noch an. Da ist einerseits der Anschluss der in diesem Bereich führenden Reservierungssysteme und ihre Harmonisierung. Vor allem aber die Meta-Ebene zwischen Open Data und dem Reisevertrieb, die nur so gut sein kann, wie das jeweils verwendete Vokabular.

Bislang ist der Erlebnis-Hub im Tourismus-Hub nicht mehr als eine Machbarkeitsstudie und eine Pilot-Anwendung, die von Travel.Commerce. mit CFM_Media entwickelt. Rot umrandet (rechts) ein Feature, das noch zu entwickeln ist. Der Open-Data-Converter zum Umwandeln von Angebotsdaten in Open-Data-Formate.

Die DZT und ihre Partner vertrauen bei Open Data längst nicht nur auf Schema.org, sondern haben mit der Open Data Tourism Alliance (ODTA) eine eigene Ergänzung geschaffen, ganz so, wie es vor mehr als zehn Jahren die Reiseveranstalter mit dem DRV-Datenstandard gemacht haben. Der ist so mächtig geworden, dass sich längst nicht jeder der mehr als 7000 Global Types, Sub Types und Additional Types als anerkannter Standard entwickelt haben. Doch in der Theorie lässt sich damit die Vielfalt einer Pauschalreise vortrefflich abbilden.

Harmonie und Konvergenz bringen den Erfolg

Die ODTA wird keinesfalls tausende neue Kategorien benötigen, um buchbare Leistungen verlässlich abzubilden. Aber es sollte mit den Feinheiten eines buchbaren Leistungen soweit vertraut sein, dass ein Dialog möglich ist. In Hessen wird der Content-Hub (für nicht-buchbare Leistungen) noch in diesem Jahr die Premiere feiern. Wann und in welchem Leistungsumfang der Erlebnis-Hub folgt, ist derzeit noch nicht entschieden.

Der Erfolg hängt auch davon ab, wie weit sich das Vokabular von ODTA und Reisevertrieb annähern. Die beste Übersetzungsebene kann wenig bewirken, wenn eine Seite keine Worte hat, etwa für „ausgebucht“, „Kinderpreis“ oder „Feiertags-Zuschlag“, um es einfach zu machen. Und dann fehlt noch etwas zum Erfolg: Die erfolgreiche und möglichst flächendeckende Digitalisierung der Tourist-Informationen und ihrer häufig uniquen Angebote. Hierfür bedarf es keiner neuen Technologie, sondern die möglichst flächendeckende Einführung etablierter Reservierungssysteme. Sie zu vereinheitlichen und auch über den Knowledge Graphen verfügbar zu machen, ist die zentrale Aufgabe.

Optimalerweise nicht nur in Hessen, wie wir finden. Ein möglichst vollständiges Datenangebot via Open Data kann es nur über Harmonisierung und kollaboratives Arbeiten gehen. Wir freuen uns über Gleichgesinnte.