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Was der Ukraine-Krieg für den Tourismus bedeutet

Was der Ukraine-Krieg für den Tourismus bedeutet

Der Einmarsch Russlands in die Ukraine ist eine politische Zäsur historischen Ausmaßes. Die Folgen sind aktuell nicht meßbar, weder politisch noch wirtschaftlich. Wohl aber erste temporäre Auswirkungen auf den Tourismus in Deutschland und weltweit. Aktuell erscheinen sie eher überschaubar zu sein. Eine Momentaufnahme.
Eine faktenbasierte Untersuchung vom 1. März 2022 – ohne Anspruch auf Vollständigkeit und auf vielfachen Wunsch.

Komprimiert

Russland ist ein gigantischer Quellmarkt für den globalen Tourismus, der sich aber schon vor der Invasion der Ukraine zunehmend abgeschottet hat. Die Investitionen der russischen Wirtschaft und ihrer Oligarchen in globale Tourismus-Aktivitäten scheinen eher rückläufig zu sein. Die laufenden weltweiten Sanktionen gegen Russland dürften in Deutschland und den angrenzenden Nachbarländern unter anderem bei Hotel-Immobilien und im Veranstalter-Geschäft treffen. Hoffentlich nur moderat.

Keine Frage: der völkerrechtlich widerrechtliche Einmarsch Russlands in die Ukraine wird auch für die Tourismuswirtschaft gravierende Konsequenzen haben. Die Sanktionen der Europäischen Union haben einen unmittelbaren Einfluss auf das wirtschaftliche Geschehen weltweit. Auch im Tourismus. Der öffentliche Flugverkehr zwischen der westlichen Welt und Russland ist weitgehend zum Erliegen kommen. Nach einer Meldung der dem Putin-Regmine unterstehenden Nachrichten-Agentur Tass rät inzwischen auch der Kreml seinen Bürgern von Reisen ins Ausland ab.

Aktuell ist unklar, wie sich der Ukraine-Konflikt weiter entwickelt. Dass eine weitere Eskalation Auswirkungen auf die Reise-Intensität in Europa haben wird, ist annehmbar. Allein die Sperrung des russischen Luftraums für internationale Flüge und die gegenseitigen Reisewarnungen haben bereits massive Auswirkungen auf die Reisetätigkeit. Darüber hinaus gibt es jedoch eine Reihe von Gründen, weshalb der Tourismus insbesondere im westlichen Europa vom Ukraine-Krieg bislang nicht gravierend betroffen sein mag.

1. Russland ist kein Reise-Weltmeister

Russland ist vom Potential her ein wichtiger Quellmarkt für den Tourismus. Doch gemessen an seiner Größe ist die Performance eher klein. Nach Berechnungen der UNWTO lag das Volumen an touristischen Ausgaben im Jahr 2019 bei umgerechnet 36 Mrd. US-Dollar. Damit rangiert Russland im weltweiten Ranking auf Platz 6, knapp vor Australien und Kanada, aber eben deutlich hinter:

  • China (255 Mrd. USD)
  • USA (152 Mrd. USD)
  • Deutschland (93 Mrd. USD)
  • Vereinigtes Königreich (72 Mrd. USD)
  • Frankreich (52 Mrd. USD)

Es wird spannend zu beobachten sein, wie sich das russische Reiseverhalten bereits durch COVID verändert hat. Absehbar ist, dass der Anteil internationaler Reisen auch in 2020 und 2021 weiter rückläufig ist. Dazu trägt der Kreml mit einer Bezuschussung von Inlands-Reisen aktiv bei.

Seit 2020 subventioniert der russische Staat die Bevölkerung mit Cashback-Programmen von bis zu 50 Prozent für Inlands-Reisen. In Einzelfällen sollen sogar 50 Prozent der Kosten für Inlands-Reisen vom Staat erstattet. Über Intensität und Umfang dieser Programme ist uns wenig bekannt. Von uns nicht näher verifizierte Quellen berichten allein für das Jahr 2021 von mindestens zwei Fördermaßnahmen in Höhe von insgesamt 9,7 Mrd. Rubel.

2. Die Oligarchen investieren zurückhaltender in den globalen Tourismus

Im Fokus der allgmeinen Berichterstattung steht aktuell das Engagement des Russischen Oligarchen Alexej Mordaschow bei der TUI. Mordaschow hält 34 Prozent der Anteile an dem Reisekonzern und verpasste es heute in einem Statement gegenüber der fvw, sich deutlicher von der russischen Aggression in der Ukraine zu distanzieren.

Dass TUI und Mordaschow so im Fokus der touristischen Berichterstattung stehen, hat einen Grund. Tatsächlich ist das Engagement eines Oligarchen in diesem Branchensegment aktuell herausragend. Ganz anders noch als vor etwa einem Jahrzehnt, als russisches Kapital relativ breit in den globalen Tourismus floss. Das Engagement etwa von Alexander Lebedew (Öger Tours, Blue Wings) ist heute weitgehend vergessen.

Als sicher gilt, dass russisches Kapital in zahlreichen Hotel-Immobilien auch in Europa gebunden ist. Darüber hinaus sind Oligarchen in zahlreichen touristischen Unternehmen insb. in osteuropäischen Zielgebieten involviert. Hier könnten die Sanktionen Auswirkungen auf das operative Geschäft haben, potentiell durchaus auch für deutsche Urlauber.

Insgesamt dürfte der Appetit Russlands auf die Tourismusindustrie in den vergangenen Jahren jedoch rückläufig gewesen sein.

Hinzu kommt:

3. Russische Reisekonzerne spielen selten in der weltweiten Top-Liga

Unbestritten hat Russland eine starke Reise-Industrie. Die Investments in und um die Olympia-Metropole Sotschi haben weltweite Aufmerksamkeit erzeugt. Mit Aeroflot verfügt das Land über eine Airline mit weltweiter Reputation, die nun von den weltweiten Sanktionen nun in deutliche Mitleidenschaft gezogen werden sollte.

Abgesehen von Aeroflot spielen russische Konzerne jedoch selten in der weltweiten Top-Liga. Mit dem Metasearcher Aviasales gibt es ein Unternehmen, dass ich in der COVID-Phase ein signifikantes Funding von rund 43 Million USD sichern konnte. Weitere Investments in dieser Größenordnung sind uns aus den vergangenen Jahren aktuell nicht bekannt.

Phocuswright geht davon aus, dass das Buchungsvolumen iin Russland n 2019 bei unter 40 Mrd. USD gelegen hat. Das entspricht etwa zwei Drittel des Marktvolumens in Deutschland, aber eben mit einem deutlich größeren Inlands-Anteil und einer fast doppelt so großen Einwohner-Zahl.

Fazit: Es geht – wie immer – um Sicherheit und Vertrauen

Die mittel- und langfristigen Auswirkungen der Ukraine-Krise auf das touristische Geschäft sind aktuell noch nicht absehbar. Die jüngsten Statements insb. von deutschen Reiseveranstaltern für die nahende Sommer-Saison kurz vor dem Einmarsch der Putin in die Ukraine klangen sehr optimisisch.

Ob diese Zuversicht bleibt, ist vorerst abzuwarten. Dass Sicherheit und Vertrauen für die Urlaubsentscheidung insbesondere in Deutschland eine zentrale Rolle spielen. Das ist durch COVID und aus früheren Krisen bekannt. Dieses Vertrauen gilt es nun zu schützen und zu bestätigen. Sowohl Politik als auch Wirtschaft werden hier gefragt sein. Vermutlich schon in der kommenden Woche werden wir mehr erfahren, insb. auf dem virtuellen ITB-Kongress, auf der sich die weltweite Branche abermals digital trifft.

Empfehlung:

Wie das Reiseverhalten und die Nachfrage einzuordnen sind, ist auch ein Thema des ITB-Kongresses in der kommenden Woche. Auf dynamische und kurzfristig verfügbar Daten kommt es nun im besonderen Maße ein. Ich freue mich, dass Sojern, Neusta Data Intelligence und Hopper am Mittwoch, 9. März, ihre Datenschätze öffnen und auf die gemeinsame Diskussion. Die Session „The Power of BI, Nwe Data Trands and Data Skills for The Travel Industry“ von 11.25 Uhr empfehle ich zur Teilnahme. Vielleicht sehen wir uns?

Anmerkung:
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