Weshalb Open Data Kontrolle braucht

Open Data ist zurzeit ein großes Thema im Deutschland-Tourismus. Offene Datenbanken sind eine tolle Option, um touristischen Content zu verbreiten. Genau dann, wenn diese keine personenbezogenen Daten enthalten, kein kommerzielles Geschäft stattfindet und keine Autorenrechte verletzt werden. Und so lange die Inhalte nicht zu wertvoll sind für die unkontrollierte Verbreitung. In der Praxis kommt das eher selten vor. Wer rechtliche und praktische Restriktionen akzeptiert, setzt auf eine geordnete Distribution seiner Daten. Ein Plädoyer für Controlled Open Data und Blockchain.

Komprimiert

Datenschutz, Produkthaftung und Urheberrecht machen lupenreines Open Data in der Touristik zum theoretischen Idealtyp, in Teilen geeignet zur Verbreitung von nicht buchbaren Content. Das allein ist nicht gut genug. Den Zugang zur breiten Masse an Kunden gibt es in der Praxis  über eine intelligente Steuerung der Daten. Der Identifikation digitaler Identitäten und ihrer jeweiligen Daten wird eine zentrale Aufgabe, sinnvolles Matching von Angebot und Nachfrage die zentrale Herausforderung. Genau das ist Controlled Open Data.

Es gibt ein paar Themen in der Geschichte, die klingen in der Theorie ganz wunderbar, haben sich in der Praxis aber als kontraproduktiv erwiesen. Der Kommunismus ist ein hübsches (und zugegebermaßen plakatives) Beispiel dafür. Eine spannende Idee, würde jedermann die Spielregeln einhalten. Dennoch ist er selbst in seiner abgeschwächten Form, dem Sozialismus, ist er im Praxistest durchgefallen.

So ähnlich kommt mir das aktuell mit dem Thema Open Data im Tourismus vor. Vor allen Dingen in den deutschsprachigen Destinationen wird das Thema bisweilen fanatisch bejubelt. Und da es offenbar nicht schadet, sehen es auch Internet-Portale, Reiseveranstalter und andere wichtige Spieler im touristischen Geschäft mit großer Freude, dass hier Workshops, Pilotprojekte und zunehmend auch Datenbanken mit kostenfreiem Content ans Tageslicht kommen. Wer sollte auch ernsthaft etwas gegen zusätzliche Inhalte haben?

Keine Frage: Open Data hat das Potenzial, teure und viel zu schlecht genutzte Daten aus der Destination heraus aus der Google-Falle zu holen und intensiver (sprich: auch über Google hinaus) zu verbreiten. Bilder, Videos, vor allem aber auch Texte wie Tourenbeschreibungen und Veranstaltungstipps könnten endlich angemessene Zugriffszahlen bekommen, wenn – ja, wenn – die relevanten Portale diese neuen Content-Angebote auch aufgreifen und prominent herausstellen.

Soweit die Open-Data-Theorie. Nun die Praxis.

Bekanntermaßen sorgt die Plattform-Ökonomie dafür, dass wenige große Portale den relevanten Zugang zu den großen Kundenströmen haben. Oder anders gesagt: Es ist gut möglich, dass die digitalen Platzhirschen (nennen wir sie beispielhaft Google oder Booking.com) zusätzliche Datenangebote honorieren und die jeweilige Region prominenter darstellen. Sicher ist das nicht.

Schlimmer noch: Die so glorreiche Theorie von Open Data in Reinkultur versagt, wenn es um Datenmissbrauch geht. Kaum einer will wirklich, dass seine Texte und Bilder „ohne jegliche Einschränkung“ genutzt werden. Genau das ist die engere Definition von Open Data.  Und laut Bundeszentrale für politische Bildung sind Daten „dann offen, wenn es keine rechtlichen, technischen oder sonstigen Kontrollmechanismen gibt„. Das ist harter Tobak.

Mit veränderten Produktbeschreibungen könnten Mitbewerber aber auch Kunden die Produkthaftung des Anbieters zu einem Himmelfahrtskommando machen. Von gefakten Fotos oder besonders schlechten User-Bewertungen ganz zu schweigen. Ergo: alles was in irgendeiner Form kommerziell gehandelt wird (der digitale Reisevertrieb spricht hier gern von „bookable content“) eignet sich ebenso wenig für ungebremste Open-Data-Ansätze wie non-bookable content mit restriktiven Urheberrechten.

Keine Frage: Open Data braucht rechtliche, technische und sonstige Kontrolle. Sei es in Form von Creative Common Lizenzen oder Linked Open Data, in dem die eigentliche Datenhoheit weitgehend beim Anbieter bleibt. Erfolgreiche touristische Open-Data-Projekte haben mit der Reinform von Open Data  schon heute nicht mehr viel gemein. Denn einerseits schaffen sie es, homogenen und wertvollen Content ihrer Region oder Ihres Betriebes in eine Datenbank zu pressen. Andernfalls jedeoch schenken sie diese Datenschätze eben nicht mit der Gießkanne aus, sondern werben gezielt um Partner und Formate. Nur das kann langfristig Erfolg haben.

Controlled Open Data geht einen Schritt weiter.

Das Grundprinzip von Controlled Open Data ist denkbar einfach: Während die Meta-Informationen der Daten tatsächlich offen einsehbar sind, stehen in einer zweiten geschlossenen Ebene all jene sensiblen Informationen, die eben nicht jedermann uneingeschränkt einsehen und ändern soll. Produktbeschreibungen sind ein hübsches Beispiel, Kundendaten noch ein viel Schöneres. Denn der Ansatz von Controlled Open Data ist kompatibel mit dem Datenschutz.

Der Idealfall gibt es ein individuelles Matching von Angebot und Nachfrage. Passen die Anforderungen und Präferenzen des Nachfragenden zum Profil des Anbieters, so bekommen beide Parteien Zugriff auf geschlossene Daten. Kunden erhalten hier personalisierte Angebote und Insider-Tipps, die eben nicht via Open Data frei zugänglich sein sollten. Und Anbieter erhalten Kundendaten: seine Reisepläne, seinen aktuellen Standort, seine Präferenzen. Und das in eben der Tiefe, die der Kunde zustimmt.

Die Technologie dahinter ist noch zu entwickeln. In einem Workshop auf dem Destinationcamp 2018 haben wir sie Unique-User-ID genannt. Hier ist sie kurz graphisch erklärt:

Controlled Open Data mit Unique User-ID: Auf einer offenen (und anonymen) Ebene werden die Präferenzen von Anbieter und Nachfrager hinterlegt. Wenn beide Parteien grünes Licht geben, geht es in die geschlossene Info-Ebene. @Rogl Consult

Noch ist Controlled Open Data kaum mehr als eine Ideenskizze. Aber das Thema gewinnt an Dynamik. Viele relevante Fragen sind noch zu klären. So muss eine Technologie und ein Geschäftmodell für das Matching der Unique-User-ID gefunden werden. Im Sinne der Datensicherheit könnte eine schlanke dezentrale Blockchain-Technologie ein sinnvoller Ansatz sein.

Blockchain ist hier übrigens weder ein wirres Buzzword-Bingo noch eine geniale Innovation eines Einzelnen. Denn in anderen Branchen wird der Einsatz von Blockchain zur Sicherung digitaler Identitäten bereits engagiert diskutiert, etwa auf den Internet Security Days im September in Köln. Auch ein paar touristische Start-Ups wie Cool Cousin, Winding Tree und Beetoken haben sich der Idee einer dezentralen Blockchain-Architektur zur Identifikation persönlicher Nachfrage bereits verschrieben. Ein paar weitere werden folgen. Niemand hat die Copyrights an diesem Thema, dass meiner Ansicht nach zeitnah ein globaler Trend werden könnte.

Branchendialog auf der Outdooractive Conference in Immenstadt

Wer mehr über das Thema erfahren möchte, der kommt am 19. und 20. September zur Outdooractive-Conference nach Immenstadt im Allgäu. Outdooractive hat sich seit vielen der innovativen Distribution von touristischen Daten verschrieben und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Open Data. Jetzt geht Gründer Hartmut Wimmer einen Schritt weiter. „Um dem Gast relevante Inhalte bereitzustellen, müssen Nutzerprofil und Nutzerverhalten zusammen gebracht werden„, forderte er jüngst in einem Gastkommentar im Tourismusmagazin fvw.

Ich habe auf der Outdooractive-Conference die Ehre, sowohl die Keynote-Rede am 19. September zu halten als auch einen interaktiven Workshop zum Thema „Open Data“ am 20. September zu halten. Ich freue mich auf die konstruktive Diskussion. Jetzt und in Immenstadt.