Erst ein Spezialist für edle Ferienhäuser, nun ein Zahlungsdienstleister. Mit seinen Investments in Luxury Retreats und Tilt macht Airbnb sich und seine neue Marke „Airbnb Trips“ breit in der touristischen Wertschöpfung. Der Privatunterkunftsvermittler will zur ersten Anlaufstelle für die Urlaubsplanung werden. Hoteliers verfolgen das längst mit Argwohn. Aber auch Destination Management Organisationen, Reiseveranstalter und Reisebüros sollten genau hinsehen.

Komprimiert

Rund drei Milliarden US-Dollar in der Kriegskasse, ein operativ profitables Geschäft, eine äußerst loyale Kundschaft und eine hypermoderne Marke. Airbnb ist ein Game Changer. Nicht, weil es mit Privatunterkünften ein neues Marktsegment erschlossen hat. Sondern weil es auf dieser Basis die touristische Wertschöpfung völlig neu definiert und aufsetzt. Das Investment in Tilt kann dabei helfen.

Das globale Medienecho war gewaltig, als Airbnb das Unterkunftsportal Luxury Retreats übernommen hat. Rund 300 Mill. US-Dollar soll Airbnb der Einstieg in die Vermittlung von Luxus-Unterkünften wert sein. Die globale Abdeckung dieses Angebots ist ebenso ausbaufähig wie die Online-Buchbarkeit vieler Unterkünfte. Die versteckte Nachricht war eine andere: Airbnb kommt raus aus der immer größer werdenden Nische der Sharing Economy, erschließt tatsächlich weitere Segmente der touristischen Wertschöpfung. Und selbst 300 Mill. US-Dollar Investment sind angesichts der Milliarden-Spendings der Investoren eher Kleingeld.

Touristiker wissen: Auf Airbnb gibt es schon längst mehr als Luftmatratzen und kuschelige Privatzimmer. Ferienwohnungen gehören zum Standard-Inventar, auch ohne Luxury Retreats. Hoteliers laufen Sturm wegen angeblichem Schwarztourismus und unliebsamer Konkurrenz, Kommunen wie Hamburg und Berlin rüsten sich juristisch gegen die potenzielle Zweckentfremdung von Wohnraum, eben weil unter dem Nimbus des privaten Angebots die Immobilienwirtschaft potenziell besser verdienen kann als in der Langfristvermietung. Diese Sorgen sind ernst zu nehmen.

Doch das ist nur der Anfang. Im vergangenen Herbst hat CEO Brian Chesky Airbnb Trips angekündigt. Er versprach „magische Momente in nur einer App“ und präsentierte mit Experiences ein neues Produktsegment, dass es so noch nicht gab: privat organisierte Ausflüge und Events. Wie bei den Übernachtungen steht nicht die Leistung im Vordergrund sondern der Gastgeber. Klingt banal, ist aber revolutionär.

Machen wir es konkret: Zwei Busse stehen für für eine Stadtrundfahrt bereit. Der eine ist modern und klimatisiert und fährt die Top-Attraktionen der Stadt ab. Der andere vielleicht nicht. Dafür sitzt in ihm Fremdenführer, der sein Angebot persönlich im Netz vorgestellt hat, dafür zahlreiche positive Bewertungen erhalten hat und dem Sie abnehmen, dass er spannende Einblicke in seine Stadt gibt, die nicht in jedem Fremdenführer stehen. Beide Angebote haben ihre Berechtigung. Bus Nummer zwei rollt jetzt heran.

Experiences und der im Aufbau befindliche Überbau Trips haben tatsächlich das Potenzial, die touristische Wertschöpfung vor Ort neu zu ordnen. Bislang sind es neben Reiseveranstaltern und Spezialisten wie Getyourguide primär die DMO, die den Zugang in diesen Markt bieten, zum guten Teil ganz klassisch und „offline“ über lokale Touristeninformation. Wie jetzt schon die Hotellerie werden sie diesen Kuchen künftig mit Airbnb teilen müssen.

Doch Airbnb Trips ist mehr. Die jüngste Keynote von Brian Chesky ist ein Muß für alle, die sich mit Airbnb beschäftigen.

Ab Minute 39  umreißt Chesky die Palette jener Vor-Ort-Angebote, die da kommen mögen: Mietwagen und Restaurant-Reservierungen gehören ebenso dazu wie Liefer- und Concierge-Services. Auch über Flüge redet Chesky. Wenn er clever ist, überlässt er diesen Wettbewerb anderen, sollte er keinen innovativen Produktansatz entdecken. Und nein, das Sharing von Privatflügen wird auch langfristig kein Massengeschäft, wenngleich selbst dieses Segment der Sharing Economy inzwischen von Wingly besetzt ist.

…aber Chesky ist clever. Der Tilt-Deal auch.

Mit der gestrigen Meldung der Tilt-Übernahme belegen Chesky und seine Investment-Profis, dass sie clever sind. Denn Social Payments passen ideal in die Sharing Economy. Tilt sichert und garantiert Zahlungen und wickelt diese in jenem Moment ab, wo die Leistung erbracht wird. Das garantiert hohe Sicherheit für privat organisierte Dienstleistungen (Experiences), es ermöglicht die Organisation von Gruppenreisen (Trips), mit etwas Phantasie langfristig vielleicht auch von Transferleistungen bis hin zu Charterflügen.

Angebotsbeispiele von der Tilk-Homepage: Gezahlt wird, wenn die Leistung erbracht wird. Von wem auch immer.

Die Logistik hinter dem Tilt-Angebot ist alles andere als trivial und im Aufbau. Tilt benötigt das grüne Licht der nationalen Finanzaufsicht und steht im Wettbewerb mit globalen Payment-Dienstleistern. Und: Bis gestern war Tilt keine Erfolgsstory. Das können die Gründer im Team mit Airbnb nun nachholen. In Nordeuropa gibt es Tilt bereits, in Deutschland noch nicht. Airbnb Experiences steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Ganz anders ist die Lage in Amerika, wo das Angebot an lokalen Attraktionen beständig wächst. Da wächst etwas heran, auf das Gastgeber in aller Welt vorbereitet sein sollten.