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ITB 2021: Die Grenzen des (Daten-)Austauschs

Die ITB war auch im Jahr 2021 ein Spiegelbild der globalen Tourismuswirtschaft: deutlich geschrumpft, auf neuen Wegen, technisch optimierbar und nicht „mobile first“ denkend. Aber sie war auch voller Kreativität und Tatendrang. Wer dabei war weiß: Travel Technology ist der Treibstoff für den Neustart nach dem Lockdown. Benötigt werden effiziente Systeme für die neue Covid-konforme Customer Journey. Kollaboration ist wichtiger denn je. Mit ausgesuchten Partnern, die Mehrwerte bieten. Nicht mit jedem. Fünf Thesen.

Komprimiert

Es waren Szenen voller Kontraste auf der ITB 2021: eine perfekt organisierte ITB-Convention mit mehr als 700 Speakern und 400 Panels stehen im Widerspruch zu der virtuellen Messe-Plattform ITB-Now, deren Usability Angriffsfläche für Kritik brachte. Sie bündelt sich in Kanälen jenseits der ITB, die lesenswert sind. Was „auf der ITB“ ablief, ist aber ebenso lesenswert. Knapp 70.000 Touristiker in aller Welt haben es aufmerksam verfolgt. Exakt darum geht es hier. Meine Key Learnings.

1. Kollaboration ist das Gebot der Stunde

Wir haben auf Travel.Commerce. viel darüber geschrieben: Die technische Kollaboration zwischen den Branchensegmenten ist in Zeiten von Covid-19 mehr denn je der Schlüssel zum Erfolg. Auf der ITB wurden handfeste Lösungen präsentiert. Amadeus etwa zeigte seine Traveler-ID. Mit der neuen Digitalen Identität geht das GDS im Bereich Midoffice einen völlig neuen Weg. Statt über ein statisches Midoffice, das eng vernetzt ist mit den Business-Logiken eines traditionell geschlossenen GDS-System, bietet Amadeus nun einen offenen Austausch an, der sich explizit nicht nur an Airlines und den Reisevertrieb wendet, sondern eben auch an Hoteliers, Destinationen, vor allem aber auch an behördliche Institutionen und die zahlreichen Anbieter von Impfpass-Lösungen.

Im Bereich Impfpass ist die Dynamik grenzenlos. Was wir vor einigen Wochen noch (zumindest aus deutscher Perspektive) als Insider-Lösung auf Travel.Commerce. diskutierten, wird in der globalen Touristik zur Realität. Viele Staaten, von Schweden bis Israel, arbeiten an Lösungen. Auch die Europäische Union und offenbar sogar Deutschland machen auf einmal mit. Keine Frage: Wer im Corona-Sommer 2021 eine sichere und smarte Reisekette aufbauen will, kommt an einer digitalen Erfassung des Gesundheitsstatus schwer vorbei. Und das funktioniert nur mit Kollaboration: dem nahtlosen Zusammenspiel öffentlicher Stellen mit möglichst allen Stakeholdern innerhalb der Customer Journey, vom Reisebüro bis zum Reiseleiter und der DMO im Zielgebiet.

Kann das klappen? Tatsächlich klappt es in immer mehr Bereichen. Es sind große Player wie der Luftfahrtverband IATA und seine Airlines sowie wichtige Urlaubsländer etwa im Nahen Osten, die aktuell den Ton angeben. Ein weltweiter Standard wird vermutlich nicht durch Verordnungen entstehen, sondern schrittweise durch die aktive Partizipation und Mitarbeit möglichst vieler Stakeholder und Staaten. Jetzt kommt es auf Gangart und Takt an. Und das klingt im Anglizismus noch mal viel schöner:

it’s all about the Pace.

2. Kollaboration wird immer und dauerhaft Grenzen haben

Mit dem Pace ist es so wie in der sprichwörtlichen Kette: Das schwächste Glied bestimmt über die Belastbarkeit. Und spätestens hier wird es technisch. Mit immerhin drei Branchensegmenten durfte ich gemeinsam mit Lea Jordan (Techtalk.travel) auf der ITB-Convention Klartext über Formen der technischen Zusammenarbeit reden. Klarer Konsens zwischen dem Airline-Spezialisten Christian Warneck (Amadeus), Sixt-CCO James Adams und Anthony Hunt, Chefstratege des Hospitality-IT-Anbieters Shiji Group: Kollaboration untereinander ist der Schlüssel zum Erfolg.

Christian Warneck (Amadeus), Anthony Hunt (Shiji Group) und James Adams (Sixt) im ITB-Gespräch mit Dirk Rogl (von links). „Kollaboration ist der Schlüssel, aber…“ Foto: ITB
Update (29. Juni 2021): Die Panel-Diskussion ist nun auch auf Youtube veröffentlicht)

Aber dahin ist es ein langer Weg. „Wir werden auch in Zukunft keine vollständig reibungsfreie Technologie haben“, sagte Anthony Hunt. Vielmehr gehe es darum, mit den richtigen Partnern die richtigen Schnittstellen und Prozesse zu definieren. Dafür spricht nicht nur die kaufmännische Logik, sondern eben auch der Stand der globalen Technik.

3. Die Komplexität der Technologie bleibt die zentrale Herausforderung

Es reicht eben nicht, Schnittstellen zwischen den Branchen zu definieren. Die IT-Landschaft ist überaus heterogen. Auch die Geschäftslogiken (und damit die Business Rules der Systeme), die Normen für die Beschreibung der Produkte (Schemes und Meta-Ebenen) und eben die Datenformate in der globalen Touristik sind nur bedingt kompatibel. All das muss passen, damit Systeme (und damit auch Anbieter) sauber kommunizieren können. Das wird deutlich, wenn es aktuell um die Etablierung eines möglichst globalen tickenden Impfpasses geht. Es wird noch einmal um ein vielfaches komplexer, wenn möglichst sämtliche Kunden- und Reisedaten in ein gemeinsames Display einfließen.

Die Vielfalt dieser Systemlandschaften haben wir vor einiger Zeit aufbereitet, exemplarisch und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Aber all das will beachtet sein, um eine wahrhaft globale und segmentübergreifende Kollaboration im Tourismus anzustoßen.

Bild: Travel.Commerce.
Wichtige Datenformate, Schemata, Business Rules und Schnittstellen im Tourismus: All das will beachtet sein.

Travel.Commerce. wird sich künftig aktiver als bislang in der Etablierung von Schnittstellen und Onthologien zwischen den Systemwelten engagieren. Just deshalb erscheint dieser Blog nicht nur in einem Design, sondern auch in erweiterter Trägerschaft, getragen von einem großartigen Partner-Netzwerk.

4. Erfolg in Corona-Zeiten ist eine Mischung aus Glück und Fleiß

Wer es technisch richtig macht, der kann sogar in Corona-Zeiten Erfolg haben. Die Ferienhaus-Suchmaschine Hometogo ist ein gutes Beispiel. Sie erwartet auch für die Krisenjahre 2020/21 stabile Geschäftszahlen. Das Berliner Start-Up profitiert davon, in Krisenzeiten auf eines der stabilsten Branchensegmente gesetzt zu haben: Ferienwohnungen und Ferienhäuser. Aber das allein reicht nicht: Schon vor der Krise war Hometogo klarer Marktführer im Fewo-Preisvergleich, eben weil Hometogo unschlagbar viel Angebot in seinen Datenbanken vereint. Mehr als 2000 Partner weltweit listen hier ihre Angebote.

Wie funktioniert das ohne klare Standards und Schnittstellen? „Indem wir uns an die Partner anpassen“, sagt CEO Patrick Andrae. Es steckt unendlich viel IT-Arbeit dahinter, mehr als 2000 Datenbanken weltweit zu vernetzen und die angeblich 18 Milionen Angebote (Preise, Verfügbarkeiten, Beschreibungen) aus 200 Ländern vergleichbar zu machen. Die Zauberformel ist simples IT-Handwerk: Daten-Aggregation.

Foto: Hometogo
Hometogo-CEO Patrick Andrae im ITB-Interview mit Dirk Rogl: Auf die Partner zugehen und Daten sauber aggregieren. Foto: Hometogo

5. ITB 2022: Es kann nur ganz anders werden

Wie das funktioniert, hat Hometogo-CEO Patrick Andrae auf der ITB-Convention sehr detailliert beschrieben. Zeitnah wird es die Aufzeichnung auf ITB-Now zu sehen geben. Sie bleibt damit im verborgenen Raum einer Messe-Community. Das ist so ziemlich das Gegenteil von reibungslosem Datenaustausch, aber eben das ordinäre Geschäftskonzept einer Messe. Es geht darum, möglichst viele Stakeholder und möglichst viele relevante Themen zu vereinen. Auch auf der echten ITB funktioniert das nicht durch eine Vollversammlung. Niemand hat den vollen Überblick, was auf einer gewöhnlichen ITB passiert. Man trifft sich zu seinen Themen und in seinen Netzwerken.

Exakt so sollte es auch im Jahr 2022 wieder sein. ITB-Now war kein vollwertiger Ersatz für eine echte Leitmesse. Diesen Anspruch hatten die Messemacher auch nicht. Sie hatten nicht einmal den Anspruch, es allen Recht zu machen. Tatsächlich verfügt die ITB nun aber über rasant gewachsene Digital-Komptenz. Die weltgrößte Reise-Messe der Zukunft wird sicher kein „Zurück auf das Niveau von 2019“. Digitale Angebote werden die hoffentlich wieder möglichen persönlichen Treffen ergänzen. Ich bin sicher, dass die Messe Berlin dann auch den Nutzen einer mobilen ITB-App erkennt, die Touristiker eben auch via Smartphone und Tablet verbindet. Es war ein Defizit, das in diesem Jahr nicht zuzulassen. Es wäre aber ein noch viel größeres Defizit gewesen, ITB-Now nicht zu versuchen.