Airbnb kommt mit Hotels, Booking.com mit Ausflügen

Airbnb schiebt die Luftmatratze endgültig. in die hintere Reihe. Für maximales Wachstum integriert der (einstige) Homesharing-Spezialist hochwertige Übernachtungsalternativen in quasi jeglicher Form – offenbar mit Ausnahme der Standard-Hotellerie. Dafür setzt Airbnb eigene Übernachtungs-Standard. Das im Vorjahr angekündigte Experience-Programm steht aktuell offenbar nicht im Fokus. Darum kümmert sich nun aber Booking.com. Was Gastgeber jetzt wissen müssen.

Komprimiert

Wer den Zugang zum Reisenden hat, ist in der Touristik im Vorteil. Mit ganz unterschiedlichen Strategien bauen die Platzhirsche Booking.com und Airbnb ihr Produktportfolio aus. Ist das nun ein neuer Wettbewerb oder eine Chance für Gastgeber vor Ort? Vermutlich beides. Auf jeden Fall ist es von enormer Relevanz.

Es war kein Geheimnis mehr, aber seit gestern Abend ist es offiziell: Airbnb umarmt kommerzielle Gastgeber und bietet künftig vier neue Übernachtungsformen an: Neben dem für Airbnb klassischen Gästebett (Shared Room), dem Privatzimmer (Private Room) und der kompletten Wohnung (Entire Room) gibt es künftig auch klassische Ferienimmobilien, Boutique Hotels sowie zwei weitere Kategorien, die je nach Interpretation die weitgehende Integration der Hotelwirtschaft ermöglichen: „Bed & Breakfast“ sowie „Unique“.

Ich bin gespannt welche Hotels in diese neuen Kategorien eingliedert. Vieles ist möglich: Bed & Breakfast“ etwa ist, um in den Airbnb-Kategorien zu bleiben, in Amerika häufig eher ein „Private Room“ in Kombination mit einem „Private Breakfast“. In Deutschland fallen darunter aber auch Pensionen und möglicherweise auch kleine Garni-Hotels, die sich wahlweise aber auch in die Kategorien „Unique“ oder „Boutique“ eingliedern lassen. Nur ein Segment bleibt offenbar außen vor: Standardhotels ohne uniques Ambiente.

Nachdem die technische Integration in die Buchungssysteme steht, und das mutmaßlich in absehbarer Zeit nicht allein über die bereits kommunizierte Partnerschaft mit dem Hotel-Buchungssystem Siteminder, wird Airbnb sein Portfolio zeitnah aufrüsten. Eine Milliarde Übernachtungen pro Jahr will Airbnb bis zum Jahr 2028 generieren. 300 Millionen waren es bislang, in den ersten zehn Jahren von Airbnb. Allein das ist eine imposante Zahl. Gelingt der erneute Quantensprung, so dürfte dies zu Kosten der Hotellerie gehen.

„Wir bauen jetzt eine der größte Datenbank für Ferienimmobilien“, sagte Airbnb-CEO Brian Chesky gestern. So ganz klein ist sie schon heute nicht: 170 Millionen Fotos und 166 Millionen Kundenbewertungen liegen laut Chesky auf dem Airbnb-Server. Die gestrige Keynote-Rede von Chesky ist zur Lektüre empfohlen.

Der Strauß an neuen Produkten, die Chesky gestern präsentierte ist lang: Bonusprogramme für Gäste und Gastgeber, neue Klassifizierungen für Qualität sowie für Luxusangebote. Die Kernansage, die Chesky gestern rüberbrachte, kam übrigens gleich zum Anfang. „Wir sind immer noch nicht für Jedermann. Unser Ziel ist aber, dass jeder überall sein Angebot findet. Damit starten wir heute.“

Interessant auch, was Chesky diesmal nicht in den Fokus stellte: das im Vorjahr gelaunchte Zusatzangebot Airbnb Experiences und der Ausblick, künftig die gesamte Reisekette abzubilden. Tours & Activities gibt es in ausgesuchten Städten. Der damals angedeutete Strung in neue Produktkategorien (Transfers, Dientleistungen) stand diesmal nicht auf der Tagesordnung. Ein Strategiewechsel oder nur ein temporärer neuer Schwerpunkt? Wir werden sehen.

Die Antwort von Booking.com lautet Experiences

Den Wandel zum vollwertigen Reiseportal macht mit Booking.com auch der vielleicht größte globale Mitbewerber von Airbnb durch. Bereits im Vorjahr integrierte er relevante Produktkategorien wie Bausteinreisen und Bahntickets in sein Portfolio. Noch wichtiger als die Anreise und Pakete dürften für das einstige Nur-Hotel-Portal aber Vor-Ort-Angebot sein.

Bereits seit 2016 experimentiert Booking.com in wenigen Städten mit einem eigenen Angebot an lokalen Attraktionen. Jetzt kommt es auch nach Berlin. Gut 30 Attraktionen sind vorerst im Portfolio, darunter Angebote von Merlin Entertainment (Madame Tussoud, Dungeon, Legoland Discovery) aber auch lokale Anbieter. Verfügbar sind die „Booking.com Experiences“ vorerst nur für jene, die auch eine Übernachtung bei Booking.com in Berlin gebucht haben. Dafür ist die Buchung denkbar einfach. Die Eintrittskarte für diese Events ist ein einziger QR-Code, den Booking.com auf das Handy übermittelt, sobald der Kunde seine Kreditkarte hinterlegt hat.

Das setzt beidseitiges Vertrauen voraus, macht das Sightseeing in Berlin aber denkbar einfach: kein Schlangestehen, keine Zahlung vor Ort, häufig noch ein Discount zum offiziellen Eintrittspreis.

 

Attraktionen von Booking.com für Berlin: Ein individueller QR-Code für das Smartphone reicht als Eintrittskarte und Zahlungsmittel.

Noch wird Booking.com Experiences nur sehr selektiv vermarktet. Und es wird ein enormer Aufwand für das (einstige) Hotel-Portal, dieses Angebot flächendeckend verfügbar zu machen. All das ist Chance und Risiko für die Gastgeber in den Destinationen. Ein Grund zur Panik sind die neuen Produkt-Innovationen von Airbnb und Booking.com hingegen nicht. Diese könnte allenfalls langfristig aufkommen, wenn man sie ignoriert.

Sie wollen mehr wissen?

Das Thema „Home Sharing – Herausforderung oder Chance für touristische Destination“ diskutiere ich als Phocuswright-Analyst auf der ITB Berlin mit Alexander Schwarz und Burkhard Kieker, Geschäftsführer von Visit Berlin. Los geht es auf dem ITB-Kongress am Mittwoch, 7. März, um 14 Uhr. Willkommen!

In dieser Session gibt es auch einen Einblick in die aktuelle Studie „Private Accommodation in Europe in Europe 2010-2020“ von Phocuswright. Sie ist allen, die sich intensiv mit der steigenden Bedeutungen des Ferienunterkunftsmarktes beschäftigen, zur Lektüre empfohlen.

Noch mehr Insights