Ganz Google ist jetzt Google Travel

„Google Travel“ ist da: Komprimiert als smarte Aktionsboxen in den Suchergebnissen von Google.de und als Unterseiten in den Mobile Apps von Google Maps. Genau dort, wo die Masse der Nutzer sind. Nie war es einfacher, via Google eine Übernachtung, einen Flug oder ein Event zu suchen und auch zu buchen. Ist das ganze nun ein Angriff gegen oder eine Umarmung an die Reiseindustrie? Ein Beta-Test oder ein Paradigmenwechsel? Auf der Suche nach Antworten.

Komprimiert

Google pusht sein touristisches Angebot in die erste Reihe. Über Oneboxen auf seinen Suchergebnisseiten sowie auf Google Maps empfiehlt sich die Suchmaschine als touristischer Vollsortimenter mit personalisiertem Angebot. Dafür setzt Google mehr denn je auf die Unterstützung durch OTA und Leistungsträger – und auf die Aggregation buchbarer Angebote. Inspiration verliert an Relevanz.

Nie war es einfacher, direkt auf Google.de ein Hotel zu finden. Ein paar Keywords in das Suchfeld eingegeben (oder wahlweise über Sprachassistenz in das Smartphone sprechen) und schon erscheint in der SERP-Ergebnisliste ein umfangreiches Angebot:

Hotelsuche direkt über die Google-SERP: Die neue OneBox aggregiert sämtlichen relevanten Content von Google Travel. Ganz oben gibt es organische Links zu Online-Reisebüros.

In der neuen OneBox, so nennt Google seine smarten Aktionsfelder in den Ergebnislisten, gibt es wenig, was es andernorts im Google-Universum nicht vorher gab: einen Auszug auf Google Maps und eine die Listung weniger Angebote. Wer mehr wissen will, landet auf Google Travel. Aber darum geht es nicht.

All das funktioniert nicht nur mit Hotels. Auch Flüge, Restaurants und Ferienwohnungen lassen sich über diese Methodik finden und auch buchen. Sogar in der in dieser Woche neu gestalteten Mobile App Google Maps sind solche Funktionen in ähnlicher Form vorhanden. Auch der populäre Mapping-Dienst verfügt Dank seiner vollständig überarbeiteten Navigation über eine zuvor nie vorhandene touristische Informationstiefe und eine tiefe Vernetzung zu Google Maps.

Und auch für Veranstaltungen hat Google in Deutschland eine ähnliche OneBox gestaltet. auch hier geizt der IT-Riese nicht mit Links zu externen Veranstalter-Partnern:

Veranstaltungssuche in Berlin auf Google.de, in der Unterkategorie „Konzerte“: Tickets für James Blunt gibt es per Link auf Eventim.de.

Merke: Google pumpt seine etablierten Info-Boxen zu inhaltsstakren Startseiten von Google Travel auf. Selbst die klassische Destinations-Box, die der IT-Riese bislang über seinen Knowledge Graph und bevorzugt über offene Datenquellen wie etwa Wikipedia füttert, erhält nun auch aggregierten Content aus Google Travel:

Öffentlich zugängliche Daten oben, Angebote aus Google Travel unten: Auch die Destinations-Infoboxen führen direkt zu den digitalen Reiseangeboten von Google.

Eine Handreichung an die Branche oder ein taktischer Schachzug?

Noch ist all das nach Informationen von Skift nur ein großer Beta-Test exklusiv in Europa und offenbar eine Replik auf die kartellrechtlichen Ermittlungen der EU-Kommission gegen das Unternehmen. Tatsächlich kann die neue Darstellung auch als Handreichung an die Reiseindustrie verstanden werden, denn nie zuvor gab es in Info-Boxen so vielfältige Optionen für eine Verlinkung und damit reichlich organischen Traffic von Google.

Das gilt insbesondere für die neuen Link-Karussells oberhalb der touristischen One-Boxen, die keinesfalls nur zu ausgewählten Top-Partnern wie Booking.com oder Expedia führen. Zumindest bei Hotels und Flügen werden hier auch regionale OTA aufgeführt. Und in Google Flights, das bislang primär auf die direkte Verbindung zu den Airlines setzte, dominieren auf einmal die Angebote von Online-Reisebüros.

Der Algorithmus, mit dem Google aktuell seine Link-Karussells bestückt, ist mir bislang nicht bekannt und wird vermutlich ein stetiges Geheimnis bleiben. Gut möglich, dass für eine Listung in dieser Rubrik künftig Entgelte anfallen. Aus einem organischen Suchergebnis würde dann im Handumdrehen ein kostenpflichtiges SEM-Angebot. Es liegt allein an Google, die Klaviatur der potentiellen Geschäftsmodelle für sich bestmöglich zu nutzen. Und das womöglich nach Belieben und quasi jederzeit veränderbar.

Weite Teile der europäischen Ferienhausbranche haben überraschend schnell und einträchtig auf das neue Suchangebot reagiert und einen Protestbrief an EU-Wettbewerbskommissarin Margrete Vestager verfasst. Die gebündelte Darstellung eigener Google-Dienste führe zu erheblichen Sorgen um den freien Wettbewerb, heißt es sinngemäß in dem Brief der 30 Unternehmen, die auch von Unternehmen wie Expedia und Hometogo unterzeichnet ist. Und damit jenen, die aktuell durchaus im Link-Karussell auftauchen und sich eigentlich über zusätzlichen kostenfreien organischen Traffic freuen sollten.

Doch just diesen Effekt hat das namenlose Bündnis ausgeblendet. „Zurzeit sind nur ein paar große Unternehmen von Google angesprochen worden um ihrem Content zu teilen“, heißt es aus der Ferienhausbranche. Dies führe zu einer Diskriminierung von Wettbewerbern.

Dass Google nicht in einem Schritt die komplette europäische Ferienhausbranche such- und buchbar macht, ist freilich kein Wunder. Für buchbaren Content bedarf es einer filigranen Aggregation der Daten und hoch performante Serverstrukturen bei den Anbietern. Hotels und Airlines, in Teilen auch Reiseveranstalter, haben diese Aufgaben weitgehend erledigt. Andere müssen noch folgen.

Fazit:
Der wachsende Appetit Googles nach buchbaren Angeboten erfordert technische Antworten bei den Anbietern. Die hoch-performante Aggregation von Daten ist das Gebot der Stunde. Bislang sind nur Hotellerie und Airlines umfänglich in Google Travel vertreten. Bei Ferienwohnungen, Touren und Erlebnissen hat das Rennen um die Pole Position gerade erst begonnen. Was nicht buchbar ist, verliert in der Inspirationsphase bei Google an Relevanz.