Standards im Tourismus

Mehr Harmonie bitte: Was Travel an Tech bislang fehlt

Kaum eine Wirtschaftsbranche hat so vielfältige Spezifikationen und Normen zur potentiellen Standardisierung ihrer Produkte, Prozesse und Datenflüsse wie der Tourismus. Nur wenige davon reifen zu global akzeptierten Standard. Viele Scheitern auf nationaler Ebene oder in den Tiefen eines Wirtschaftszweigs. Ein Einstieg in die weite Welt der Travel Technology. Und ein sehr harmonischer Lösungsansatz.

Komprimiert
Die technischen Systeme im Tourismus sind komplex und kaum kompatibel. Geschlossene Systeme und in Teilsegmenten etablierte Standards sind gesetzt und werden von starken Playern geschützt. Ein offener Datenaustausch stößt spätestens dann an Grenzen, wenn sensible Kundendaten ins Spiel kommen. Denken wir an die Kunden und harmonisieren die Systemwelten, so gut es geht. Vieles ist möglich.

Es wird wieder spannend im Segment Travel Technology. Nach Jahren der Stagnation gab es in 2019 eine Reihe spannender Projekte. Eine persönliche Auswahl:

Was allen Initiativen gemein ist: Sie sprengen die Grenzen des jeweils etablierten Geschäfts. Und sie basieren gemeinhin auf dem exklusiven Austausch von Daten. Dafür werden sie neue Technologien benötigen.

Und damit sind wir beim Kernproblem: Es gibt viel zu viele Normen und Spezifikationen in der Reiseindustrie. Das Dilemma ist längst bekannt und seit einer Dekade – weitgehend unbekannt in der deutschen Fachöffentlichkeit – auch amtlich bestätigt. Auf Basis jahrelanger und intensiver Forschung auf europäischer Ebene kam das Europäische Komitee für Normierung (CEN) in Brüssel im Sommer 2009 zu diesem Fazit:

„Die Tourismusbranche hat ein breites Spektrum an unterschiedlichen Standards und Datenmodellen geschaffen. Aus verschiedenen Gründen wird es schwierig wenn nicht sogar unmöglich sein, sie zu ersetzen. Diese Vielfalt ist auch in gewissem Umfang erforderlich. Die Vermittlung zwischen ihnen soll helfen, diese Unterschiede zu bewältigen.“

CEN, Abschlussbericht „Harmonization of Data Interchange in Tourism“, Brüssel 2009

Basierend auf zahlreichen EU-finanzierten Forschungsprojekten und einem Abschlussbericht gab die EU-Behörde Reisebranche und Politik ein ganzes Bündel an Empfehlungen mit auf dem Weg. Etwa die weitere Etablierung semantischer Technologien und die Einrichtung einer Kontrollinstanz „zur Vermittlung zwischen bestehenden Standards“, so das CEN.

Geworden ist aus diesen Ideen relativ wenig. Gewiss, semantische Technologien primär auf Basis von RDF haben sich, Dank Google auch unter dem Namen „Knowledge Graph“, etabliert. Die umfassende Harmonisierung von Tourismus-Standards jedoch hat es nie ernsthaft gegeben, weder auf europäischer geschweige denn auf globaler Ebene, wie es im Online-Vertrieb geboten wäre.

Für dieses Defizit gibt es primär zwei gute Gründe:

  1. Es gibt einfach zu viele Normen, die sich zum Standard erklären ohne auf bestehende Normen und Logiken Rücksicht zu nehmen. Sie entstammen häufig einzelnen Industrien (wie der Luftfahrt-Standard NDC) oder einzelnen Regionen (wie etwa das Open-Data-Projekt der DZT). Eine kleine Auswahl relevanter Standards habe ich hier zusammen gestellt, ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit.
    Standards im Tourismus
  2. Es gibt völlig unterschiedliche Arten und Zwecke der Normierung (Siehe Grafik). Die wohl wichtigsten sind die Schnittstellen zwischen Computer-Systemen und die darauf aufbauenden Regeln. Welcher Server darf zuerst zugreifen? Wann genau wird eine Reservierung getätigt, aus einer Option eine feste Buchung, die Zahlung angestoßen? Spätestens hier hilft XML als weltweit etablierter Standard allein nicht weiter. Deshalb gibt es Regeln und Abfragelogiken, etwa als XML-Schemes, wie sie etwa DRV mit seinem DRV-Datenstandard versucht hat zu etablieren.

    Der DRV-Datenstandard, auch ein gutes Jahrzehnt nach seiner Premiere keinesfalls der einst angestrebte unangefochtene Industriestandard für Urlaubsreisen, bietet aber noch mehr. Die Global-Types sind eine schier unendlich Liste von Attributen, die quasi jedes erdenkliche Merkmal einer Urlaubsreise definieren, von Klassikern zu Verpflegung und Zimmerqualität über tausendfache Merkmale zu Service- und Zusatzleistungen. Immerhin: Zumindest ein Teil dieser vielfältigen Global-Types hat sich in den Buchungs- und Vertriebssystmen des Tourismus etabliert.

    Aus diesen Attributen werden dann Produktdaten. Diese Stammdaten unterscheiden sich von reinen Attributen auch dadurch, dass darin auch Preise und Verfügbarkeiten abgebildet sind, so es sich denn um buchbare Produkte handelt. Allerdings können über manche Stammdatenformate auch nicht buchbare Leistungen wie etwa POI-Daten und Tourenbeschreibungen gelistet werden, etwa wie es auch die Deutsche Zentrale für Tourismus in ihrer Open-Data-Initative über das verbreitete (aber bislang nur bedingt Travel-spezifische) Format Schema.org versucht zu etablieren.

Was leider außer Acht geblieben ist im vergangenen Jahrzehnt ist das Ziel von CEN und anderen EU-Initiativen, all diese Normen und Spezifikationen bestmöglich zu harmonisieren. Die Harmonisierung der IT-Landschaft auf Basis so genannter Ontologien (Regeln und Zusammenhänge) und Taxonomien (Hierachien) als neutrale Übersetzungsebene zwischen etablierten Systemwelten war dringend empfohlen, blieb aber bislang ungelöst.

All das klingt komplex, ist es aber nicht. Ontologien sind nichts anderes als zusammenhängende Ketten von Wissen. Sie sind auch die Basis von semantischen Datenbanken, etwa auch von Knowledge-Graphen. Und sie enden dort – wie im wahren Leben – wo Zusammenhänge nicht verstanden werden oder bewusst anders definiert werden. Wie etwa in der komplexen und etablierten Systemwelt der Luftfahrt und ihres Verbands Iata oder dort, wo sensible Kundendaten ins Spiel kommen, etwa in den CRM- und Midoffice-Systemen von Leistungsträgern, Veranstaltern und Reisemittlern (on- wie offline).

Wir werden in den nächsten Jahren in der Reiseindustrie eine Reihe spannender innovativer Datenprojekte sehen. Wie immer werden sie primär auf Schnittstellen und der gekonnten Aggregation von Daten beruhen. Die Alternative dazu ist die Schaffung von Ontologien als Meta-Ebenen, die zwischen Systemwelten vermitteln..

Vielleicht gelingt es dabei irgendwann nicht nur Google und ein paar großen Gateways, die Silos einzelner Industriezweige ein Stück mehr aufzubrechen, wie es etwa gerade unter anderem in Österreich und Großbritannien geschieht. Denn der Erfolg der großen Portale und künfiger Super-Apps basiert darauf, dass sie alle relevanten Daten aggregieren. Auch die neuerdings in Google Travel vereinten Services basieren just auf dieser Kunst. Harmonisierung ist die Alternative hierzu.

„Harmonisierung soll dazu beitragen, isolierte Normen
und Ansätze zu vermeiden, die die Interoperabilität erschweren.“

CEN, Abschlussbericht „Harmonization of Data Interchange in Tourism“, Brüssel 2009